Michael Frei

"Schmid unterdrückte seine Gefühle


Samuel Schmid ging in die Defensive, sobald von ihm persönlich die Rede war. Damit habe er gezeigt, dass er Privates nicht ins Zentrum stellen will, sagt Michael Frei (27), Kommunikationsexperte bei der Beratungsfirma Patrick Rohr Kommunikation in Zürich..

Interview von Christoph Reichmuth

Michael Frei, wie hat Ihnen die Abtrittsrede von Bundesrat Samuel Schmid gefallen?

Michael Frei: Grundsätzlich würde ich die Rede als gelungen bezeichnen, Bundesrat Schmid ist authentisch rübergekommen. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Emotionen gewünscht. Samuel Schmid unterdrückte seine Gefühle offensichtlich.

War das vielleicht ein Auslöser für sein Nasenbluten?

Frei: Das ist schwer zu beurteilen, zumal die Medikamente zur Blutverdünnung, die Schmid einnehmen muss, ja Nasenbluten hervorrufen können. Aber: Es ist gut möglich, dass das Unterdrücken der Emotionen einen körperlichen Druck hervorgerufen hat, der sich letztlich durch die blutende Nase entlud.

Gegen Ende seiner Ausführungen hatte man den Eindruck, Bundesrat Schmid ringe sehr wohl mit seiner Fassung.

Frei: Im ersten Teil der Rede, die sich auf die politische Arbeit fokussierte und die er nach einem klassischen Kommunkationsmodell strukturierte, fehlten die Emotionen. Nachdem Schmid im zweiten Teil aber grundsätzliche Dinge wie die politische Kultur, die Kritik an seiner Person und seinen gesundheitlichen Zustand thematisierte, wirkte er offener und freier und damit auch verletzlicher. Doch im Vergleich zu seiner Rede in Radio und Fernsehen am Morgen, als er beinahe die Contenance verloren hatte, wirkte er am Nachmittag gefasst. Am Morgen hatte man als Zuhörer fast Mitleid mit Bundesrat Schmid. Am Nachmittag ging er viel stärker in die Defensive, das zeigte er auch über seine Körpersprache.

Wie denn?

Frei: Solange er über öffentlich-politische Themen redete, bei denen nicht seine Person im Mittelpunkt stand, blickte er direkt ins Publikum, also zu den zahlreich anwesenden Medienvertretern. Das änderte sich, als er über die persönlichen Gründe für den Rücktritt sprach, also über die gesundheitlichen Probleme. Dabei blickte er stets auf ein Blatt Papier, das vor ihm auf dem Pult lag.

Worauf deutet dies hin?

Frei: Damit entzog sich Schmid einer Beurteilung durch das Publikum, ob diese Begründungen wirklich authentisch sind. Er zeigte deutlich, dass er Privates nicht ins Zentrum stellen will. Hätte er bei persönlichen Ausführungen direkt ins Publikum geschaut, hätte sich viel leichter beurteilen lassen können, ob ihn tatsächlich die Gesundheit zum Rücktritt bewogen hat oder ob doch der politische Druck auf seine Person zu stark geworden ist. Ein Samuel Schmid funktioniert eben anders als ein Barack Obama, der selbst die intimsten Schicksalsschläge auf eine äusserst direkte Art und Weise in die Öffentlichkeit hinausträgt.

War Schmid vielleicht nicht gerade deshalb so beliebt in der Bevölkerung, weil er eben nicht so offensiv wie ein Barack Obama, sondern stets bescheiden-zurückhaltend aufgetreten ist?

Frei: Samuel Schmids Zurückhaltung entspricht einer schweizerischen Eigenheit und wird akzeptiert. Am Ende seiner Rede plädierte er für Demut und Bescheidenheit ¬ das sind Attribute, die der Bundesrat im hohen Masse selber repräsentiert und die in seiner Rede auch stark zum Ausdruck kamen.

Was sagen Sie zum Zeitpunkt seines Rücktritts? Noch vor wenigen Wochen hätte er ¬ im Gegensatz zu gestern ¬ damit niemanden überrascht, am Montag landete er beim Rüstungsprogramm sogar noch einen politischen Grosserfolg.

Frei: Ich vermute, dass Samuel Schmid zuwarten wollte, bis die Kritik, insbesondere auch zum Fall Nef, verstummte. Dies räumte auch Schmid selbst ein. Sonst wäre sein Rücktritt im Kontext mit kritischen Fragen und einem möglichen politischen Versagen gestanden. Der jetzige Rücktritt ist losgelöst davon und lässt Raum für neue Themen wie die Konkordanz, die politische Kultur oder die Lage der SVP.

Schmid räumte aber Verfehlungen in seinem Departement ein.

Frei: Es war sehr interessant, zu sehen, wie er auf Fehler eingegangen ist. Die Schuldfrage hat er sehr defensiv behandelt, er sprach in der dritten Person Singular, «man» hat Fehler gemacht, «man» hätte dies und jenes tun sollen. Dadurch machte er kein persönliches Schuldeingeständnis, er hat keine Positionen bezogen. Es wäre wohl glaubwürdiger gewesen und hätte ihm mehr Sympathiepunkte eingebracht, wenn er persönliche Fehler auch als solche offengelegt hätte.

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